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Heinrich Gradl *13.2.1842 - †3.3.1895

 

Sohn eines armen provinziellen Malers. In den Jahren 1853-1860 besuchte er das Egerer Gymnasium, danach studierte er Geschichte und Germanistik an der Karls-Universität in Prag. Ein andauernder Mangel an Finanzmitteln, Not und Krankheit zwangen ihn jedoch das Studium abzubrechen, und da er wegen seiner Schwerhörigkeit keine Lehrstelle antreten konnte, nahm er eine Beamterstelle in der Sparkasse in seiner Heimatstadt an. Im Jahre 1877 übernahm er nach V. Prökl die Leitung des Stadtarchivs in Eger, während seines Wirkens stieg vor allem das wissenschaftliche Niveau dieser Institution. Außer seiner Arbeit im Archiv schrieb er sich in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit durch mannigfaltige schriftstellerische, wissenschaftliche und journalistische Tätigkeit (seit 1869 leitete er die politische Rubrik des größten Egerer Tagblattes – der ‚Egerer Zeitung’); in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts trat er dadurch unter die ausdrucksvollsten Persönlichkeiten des öffentlichen und kulturellen Lebens in Eger ein. Inmitten seiner unermüdlichen und abwechslungsreichen Arbeit holte ihn der Tod ein; nach einem unglücklichen Fall von einer Archivleiter musste ihm ein Bein amputiert werden und bald danach starb er an den Folgen dieser Operation.

Gradl brachte in die düsteren Räumlichkeiten des Egerer Archivs den Geist der modernen Archivwissenschaft. Er knüpfte an seine Vorgänger V. Prökl, G. Schmid und F. Kürschner an und vertiefte und präzisierte wesentlich die Gliederung der drei Hauptgruppen von Archivalien (Urkunden, Schriften, Bücher). Gradl ließ das Archiv in das moderne Gebäude des Rudolphinums umziehen und verfasste auch die neue Archivordnung, in die er auch progressive Elemente der zeitgemäßen Ansichten der Lagerung und Konservierung der Archivalien einbaute. Durch einen persönlichen sowie amtlichen Kontakt mit vielen bedeutenden deutschen sowie tschechischen Archivaren und Historikern (T. Sickel, A. Bachmann, J. Emler, A. Gindely) trug er zum Durchdringen der Egerer Archivsammlungen in das breitere mitteleuropäische Bewusstsein bei und schuf so Bedingungen für ihre wissenschaftliche Verwendung.

Aus den Unterlagen des Egerer Archivs schöpfte jedoch vor allem Gradl selbst. Er wurde zum ersten wirklich wissenschaftlichen Historiographen des Egerlandes. Nach einer Reihe von Vorbereitungsartikeln und –studien gab er eine Serie von Hauptarbeiten heraus, die in damaliger Zeit einen Durchbruch in Richtung zur seriösen Erforschung der Egerer Vergangenheit darstellten und die in gewissem Maße ihren Wert bis heute nicht verloren – es sind die Editionen „Die Privilegien der Stadt Eger“ (1879), „Die Chroniken der Stadt Eger“ (1884), „Monumenta Egrana“ (1886) und die erste wissenschaftliche Bearbeitung der Egerer Historie „Geschichte des Egerlandes (bis 1473)“ (1893). In den Details, der Konzeption sowie der handwerklichen Technik der Editionsarbeit kann man gegen diese Werke einiges einwenden, aber der bahnbrecherisch wissenschaftliche Zugang ihres Autors schafft die Grundlage für ihren eigentlichen Wert, der unumstritten ist. Kleinere historische Themen bearbeitete Gradl für verschiedene fachliche sowie heimatkundliche Zeitschriften (Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, Archiv für Oberfranken usw.) und für hiesige Jahrbücher und Sammelbände (Egerer Jahrbuch, Kalender für das Egerland).

Außer der Geschichte widmete sich Gradl der Sprachwissenschaft und vor allem dem Egerer Dialekt. Auch wenn er auf diesem Gebiet keine größere Anerkennung errang und einige seine Versuche nicht gerade glücklich waren, weisen einige Arbeiten trotzdem ein solides Niveau auf. Sein toponomasiologisches Werk „Die Ortsnamen am Fichtelgebirge“ (1891) ist bis heute gut zu gebrauchen. Für den Autor selbst kam die Genugtuung in Form der Aufgabe, im repräsentativen Werk der Habsburger Monarchie „Die österreichisch-ungarische Monarchie im Wort und Bild“ die deutschen Dialekte in Böhmen zu erfassen. Eine durch ihre Bedeutung eher unwichtige Studie verhalf ihm letztendlich zu einem markanten Aufschwung des gesellschaftlichen Prestiges; über dem Werk Gradls hielt der Kronprinz Rudolf selbst seine Schutzhand!

Die heiter tätige Natur Gradls drang in zahlreiche weitere Wissenschaftsbereiche durch (eine gewisse Bedeutung erreichten seine entomologischen Studien). Er versuchte sein Glück auch auf dem Gebiet der schönen Literatur. Dabei konnte er jedoch den häufigen und typischen Fehler solch ähnlich ausgerichteter Menschen nicht meiden; er fing ständig neue Sachen an, wechselte von einem zum anderen Plan, von einem zum anderen Projekt, und blieb dabei meistens bloß auf der Oberfläche stecken und führte nur selten etwas zu Ende. Noch im letzten Abschnitt seines Lebens war er voll mit den Plänen für die Gründung einer wissenschaftlichen Gesellschaft beschäftigt, die die Forschung der Geschichte, Sprache, Natur und Volkskunde des Egerlandes organisieren sollte. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

H. Gradl war eine der ausdrucksvollsten Persönlichkeiten des Egerlandes in einer kulturell sehr fruchtbaren Zeit des Ausgangs des 19. Jahrhunderts. Die widersprüchlichen Charakterzüge eines bis renaissancemäßigen Polyhistorismus und einer voll von mutigen Projekten gefüllten Amateurhaftigkeit wurden in seiner Gestalt nie zu reiner und purer Wissenschaftlichkeit. Seine Bedeutung für die Egerer Aufklärung und Kultur steht dennoch nicht zur Diskussion. Er war der erste moderne Archivar und der erste wirkliche Historiograph seiner Stadt – des westlichsten Zipfels Böhmens.

 

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Interaktive Enzyklopädie der Stadt Cheb

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